04. April 2017

Der Geschmack von früher

In Europa schließen jedes Jahr um die 350.000 Bauernhöfe. Nach dem Prinzip „Wachse oder weiche“ wird auch der Landwirtschaft eine neoliberale Wirtschaftsordnung aufgenötigt, die dem Planeten massiven Schaden zufügt und vielfach schon die sozialen Dorfstrukturen zerstört hat. Während weltweit noch rund 40 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet, sind es in der EU gerade mal zwischen 2 und 3 Prozent. Der österreichische Filmemacher Robert Schabus, der 1971 in Oberkärnten geboren wurde und auf einem Bauernhof aufwuchs, hat für seine Dokumentation „BAUER UNSER“ verschiedene Bauernhöfe besucht und Experten befragt.

José Bové ist Mitglied des Europäischen Parlaments und erläutert die drei Ziele der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU im Jahr 1958 (damals noch EWG – Europäische Wirtschaftsgemeinschaft). Da sollten alle europäischen Bürger von der eigenen Landwirtschaft ernährt, die Preise für die Verbraucher stabilisiert und den Bauern ein Einkommen auf dem Niveau anderer Berufsgruppen ermöglicht werden. „Das waren die drei Ziele des Vertrags von Rom für die Landwirtschaft. Und das wurde durch die Öffnung der Märkte komplett zerstört, insbesondere durch die Gründung der WTO (Welthandelsorganisation) im Jahr 1994,“ erklärt Bové. Bis zu den 1990er Jahren wurde in der EU so subventioniert, dass die Bauern nicht unbedingt Menge produzieren mussten.

Schabus widmet die erste halbe Stunde seines Films den Bauern, die nach industriellen Maßgaben erzeugen. Er ist in seiner Vorgehensweise sehr bedacht, hört genau zu und verzichtet auf eigenen Kommentar. - Schweinebauer Martin Sütte hat seine Schweinemast immer wieder vergrößert, bis keine Flächen mehr da waren. Der Erzeugerpreis war 2016 niedriger als 1996. Wie viele andere Bauern hat auch er versucht, das über die Menge wieder wett zu machen. Heute erleidet er pro Mastschwein eine Einbuße zwischen 8 und 9 Euro. In der EU werden jährlich 250 Millionen Schweine geschlachtet, das sind mehr, als die Bevölkerung braucht. Es ist ein Teufelskreis entstanden, da trotz des bestehenden Überangebots immer noch mehr produziert wird, was die Preise weiterhin senkt.

Das gilt auch für die Milchbauern, die es besonders hart getroffen hat. Bis zum 1. Mai 2015 gab es in der EU eine feste Milchquote, jetzt darf jeder so viel produzieren, wie er will. Heute ist ein Liter Mineralwasser teurer als ein Liter Milch. Auch Eierbauer Franz Tatschl, der 65.000 Legehühner hält, bemüht sich, immer professioneller zu werden: „Wir müssen kostengünstiger produzieren, deshalb geht es im Endeffekt nur noch über die Menge,“ meint er. In der 78. Lebenswoche (das sind etwas über anderthalb Jahre) haben die Hennen ihre maximale Legeleistung erbracht und werden in eine Schlachterei für Suppenhühner abtransportiert, denn wenn die Legeleistung zurückgeht, ist es nicht mehr wirtschaftlich.

Andrä Rupprechter, der Landwirtschaftsminister Österreichs, unterstützt das Wachstum. Auf einer Landwirtschaftsmesse verkündet er, dass die Investitionsförderung massiv aufgestockt werden soll. Mit 25 Prozent mehr sollen die Bauern zu Investitionen motiviert werden. „Die Landwirtschaft ist am Markt angekommen“. Die Bauern investierten in die „Zukunft“, und da seien vor allem die jungen Bauern „tüchtig dabei“, freut er sich. - Martin Häusling ist ein weiteres Mitglied des Europäischen Parlaments: „Da geht es um ein Milliardengeschäft... Die Zukunftsmärkte liegen in Asien. Man wundert sich nur, dass diese Politik nie das gehalten hat, was versprochen wurde. Aber für einige ist die Rechnung aufgegangen und die lobbyieren hier in Brüssel massiv“. Auch an den Universitäten macht sich der Einfluss der Industrie bemerkbar. Alfred Haiger, Universitätsprofessor i. R., Universität für Bodenkultur Wien, bestätigt das. Die Düngemittel-, Landmaschinen- und Futtermittelindustrie liefern oft die Folien für die Vorlesungen. Diese besagen, dass es eine Arbeitsentlastung ist, wenn man ihre Produkte verwendet. Es gäbe „einige nicht so fleißige“ Lehrer, die diese Folien der Industrien und deren Powerpoint-Präsentationen verwendeten.

Franz und Maria Vogt sind Biobauern und Direktvermarkter in Niederösterreich. Sie haben noch nie einen Kredit aufgenommen. Wenn sie wenig einnehmen, leben sie bescheidener und wenn die Einnahmen mal besser sprudeln, wird in den Hof investiert. Sie wollen neben der Arbeit auch Freizeit haben und setzen auf Vielfalt. Wenn in dem einen Jahr ein paar Pflanzen nicht so gut gedeihen, tun es andere, je nach Niederschlagsmenge. Die Vogts schlachten selbst, zwei bis drei junge Schafe pro Woche, denn sie wollen sich nicht davonschleichen. Sie machen das nicht gerne, aber Tierhaltung ist für die Fruchtbarhaltung der Böden wichtig, weil sie sonst künstliche Beigaben verwenden müssten. „Es ist nicht so einfach, den Humusaufbau zu betreiben, wenn man keinen Mist hat.“, meint Maria Vogt pragmatisch. Schabus zeigt, wie sie ein Lamm in den Schlachtraum führen, es dauert nur Sekunden bis ein dumpfer Schlag zu hören ist. Der Leidensweg des Schlachttieres dauert weniger als eine Minute, im Gegensatz zu den gezeigten Mastschweinen und Legehennen, die beim Verladen in den Transport zum Schlachthaus gezeigt werden.

Benedikt Haerlin, Journalist und Leiter der Zukunftsstiftung Landwirtschaft erklärt, dass es keine effektivere Art der Bewirtschaftung gäbe als den Gartenbau: „Dagegen sind alle industriellen großmaschinellen Agrarformen einfach komplette Stümper und Versager.“ Aus diesem Grund müssen wir zu kleinteiligem Anbau zurückkehren. Über 80 % aller landwirtschaftlichen Betriebe in der Welt bewirtschaften weniger als 2 Hektar: Es ist also erwiesen, dass das funktioniert. Haerlin entkräftet auch das Hauptargument der Industrien, dass man nur durch ihre Methoden, darunter Monokulturen und Genmanipulationen, die Weltbevölkerung ernähren könne. Das ist durch zahlreiche Studien längst widerlegt. Die Welternährungsorganisation FAO hat herausgefunden, dass wir von der reinen Kalorienmenge her 12 Milliarden Menschen ernähren könnten. Derzeit leben rund 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde.

José Bové, Mitglied des Europäischen Parlaments, macht auf einen erschreckenden Umstand aufmerksam. Das System der großen Höfe fordert sogar Todesopfer. Durch die Verschuldung und die sinkenden Preise befinden sich die Bauern im Würgegriff und sind teilweise in extreme Notlagen geraten, die nicht folgenlos blieben: „Wir sehen daher einen unglaublichen Anstieg der Selbstmordrate in der Landwirtschaft. In Frankreich, zum Beispiel, haben wir etwa 600 Selbstmorde von Landwirten pro Jahr. Das bedeutet, die Bauern bilden jene Gesellschaftsgruppe mit der höchsten Selbstmordrate.“

Diejenigen, die für unser tägliches Brot und so viel mehr sorgen, stehen unter einem solchen Druck, dass sie Hilfe von außen brauchen. Zwar orientieren sich die Verbraucher vielfach noch an niedrigen Preisen, weil ihnen Luxusgüter wichtiger sind als gute Nahrung, doch die Impulse gehen heute von der Städtern aus. Maria Vogt weiß von Konsumenten, die auf der Suche nach dem „Geschmack von früher“ sind. Nur zwei Prozent der landwirtschaftlichen Produkte werden von den Erzeugern direkt vermarktet, aber die Nachfrage steigt.

Robert Schabus verzichtet auf einen plakativen Aufruf an die Verbraucher, macht auf seine zurückhaltende Art aber auf bedenkliche Missstände aufmerksam, und auch wenn es nicht explizit gesagt wird, hat jeder Konsument die Macht, durch seinen Einkauf mitzubestimmen. „BAUER UNSER“ ist ein einfühlsamer und lohnenswerter Film, in dem noch viele weitere Aspekte angesprochen werden und interessante Interviewpartner*innen zu Wort kommen.

https://www.filmladen.at/bauer.unser


Helga Fitzner
Freie Journalistin